Digitalisierung – Hast Du Zeit?

Wenn von Digitalisierung gesprochen wird, steht oft die Produktivitäts- und Ertragssteigerung im Vordergrund. Beschäftigte nehmen den digitalen Wandel dagegen nicht immer als Vorteil und Chance wahr. Dabei kann die Digitalisierung ganz neue (Frei-) Räume bei der Arbeitsgestaltung schaffen – und damit individuelle Vorteile wie mehr Selbstbestimmung und zeitliche Flexibilität bringen. Richtig eingesetzt kann Digitalisierung die Arbeitswelt nicht nur effektiver, sondern auch für alle besser machen.   

Wenn man mal genau darüber nachdenkt, geht es uns doch eigentlich ganz gut. Unsere Zeit hält für uns die Früchte von über 150 Jahren Arbeitskampf bereit. Der durchschnittliche Arbeitnehmer in Europa hat ein gutes Auskommen, alle möglichen Sozialversicherungen, Arbeitsbedingungen, die ihm eine gesunde Beschäftigung ermöglichen, und bezahlten Urlaub. Aus Sicht der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts hat sich vieles verbessert. Dafür gab es zwei Gründe. Zum einen der Wille der Gesellschaft, an einer besseren Zukunft für sich und seine Kinder zu arbeiten. Das heißt, die Möglichkeiten zu erstreiten und zu nutzen, um besser, gesünder und selbstbestimmter leben zu können. Zum anderen ist es der technologische Fortschritt. Dieser macht durch Produktivitätssteigerungen und neue Arbeitsumgebungen solche Verbesserungen erst möglich.

Dieser Fortschritt geht weiter und ist zur Zeit in Form der Digitalisierung in fast allen Bereichen der Wirtschaft zu erspüren.

  • Doch ist der Gestaltungswille der Gesellschaft auch heute noch spürbar?
  • Haben wir das Gefühl, dass die neuen Segnungen der Technologie allen Menschen unserer Gesellschaft zu Gute kommen?
  • Ist es überhaupt noch möglich, wenn nicht alle, dann zumindest viele an der Entwicklung zu beteiligen?

Zur letzten Frage: Ich denke ja!

 

Mehr Zeit für Selbstverwirklichung

Wir als demokratische Gesellschaft haben die Möglichkeit, durch die Digitalisierung eine (Arbeits-) Welt zu erschaffen, in der jeder von uns noch mehr als bisher die Freiheit haben kann, selbstbestimmt und im Rahmen seiner Bedürfnisse zu arbeiten. Richard David Precht, ein deutscher Philosoph und Autor, sieht den Menschen als „freie(n) Gestalter seines Lebens“ im Zentrum einer humanen digitalen Utopie (Precht 2016). Damit führt er Gedanken weiter, die schon zu Zeiten der Aufklärung aufkamen und in der Arbeiterbewegung genährt wurden. Die Möglichkeit, den Großteil unseres Tages nicht mit Arbeit für Unterhalt zu verbringen, sondern mit Dingen, die uns gut tun und in denen wir uns selbstverwirklichen können. Friedrich Nietzsche brachte es unverhohlen auf den Punkt: „Wer von seinem Tag nicht zwei Drittel für sich selbst hat, ist ein Sklave.“

Nun könnte man entgegnen, der heutige Arbeitnehmer arbeitet ja selten länger als 8 Stunden. Damit sind zwei Drittel des Tages wieder zur freien Verfügung. So ist es aber leider nicht. Von der restlichen Zeit geht die An- und Abfahrt zur Arbeit ab, das Einkaufen zur Versorgung, die Gesunderhaltung des eigenen Körpers, um weiter und lange arbeitsfähig zu sein, das Umsorgen von Familie und Freunden und viele andere Pflichten. Es gilt also, mehr Zeit für sich zu erkämpfen.

Gut, dass die Digitalisierung da ist! Die Digitalisierung hat nämlich schon viel auf den Kopf gestellt. Wir müssen heute nicht mehr zwangsweise zu bestimmten Zeiten (Öffnungszeiten) an einem bestimmten Ort (Laden oder Markt) sein, um einen Einkauf zu tätigen. Wir shoppen, planen Reisen, mieten Autos von fast jedem Ort auf der Welt – und alles zu den Zeiten, zu denen wir das wollen. Warum sollten wir nicht auch so arbeiten?

 

Arbeiten wann und wo wir wollen

Im Prinzip ist das schon heute in vielen Berufen möglich. Die technischen Lösungen sind vorhanden. Mobile Endgeräte, Kollaborationssoftware und cloudbasierte Datenbanken. Mehr braucht es technisch nicht, um eine freie Arbeitszeit- und Platzgestaltung zu ermöglichen. Beispiele lassen sich da schnell finden.

  • Die Daimler AG startete 2013 auf Betreiben der Belegschaft ein Programm für zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten und hat 2015 gemeinsam mit allen Beteiligten – also Führungskräften, Mitarbeitern und Gewerkschaft – die Umsetzung eingeleitet. Unterstützt wurde das Projekt vom Fraunhofer Institut IAO. Diese flexible Arbeitsplatzlösung ist mittlerweile Teil der Gesamtbetriebsvereinbarung. Viele Mitarbeiter nutzen die dadurch geschaffenen Möglichkeiten.
  • Auch im Handwerk ist es für viele Unternehmen selbstverständlich, dass die Abrechnung oder die Vor- und Nachbereitung von Terminen zeitlich und örtlich flexibel geschehen kann. Mittels vernetzter mobiler Anwendungen kann der Monteur schon unterwegs die wichtigen Daten erfassen und so Nachbestellungen von Verbrauchsmitteln oder die Rechnungslegung an den Kunden kurzfristig und aufwandsarm ermöglichen.
  • Auch bei Dienstleistungsunternehmen hält das flexible Arbeiten Einzug. Meine Kollegen und ich haben in den vergangenen Monaten verschiedene Soft- und Hardware getestet und können mittlerweile einfach und sehr bequem von unterwegs bzw. von Zuhause aus arbeiten. Durch eine Kollaborationssoftware können wir Video-Meetings abhalten und eine vernünftige Kommunikation, auch aus der Ferne, sicherstellen. Es spielt keine Rolle, ob die Kollegen im Büro oder sonst wo sind, sie sind erreichbar. Hinzu kommt noch eine vertrauensbasierte Gleitzeit. Jedes unserer Teams organisiert sich und die Arbeitszeiten selbst. Wenig Fremdbestimmung, mehr Eigenverantwortung hebt das Miteinander in den Teams auf ein anderes, moderneres Niveau.
Eine Frau arbeitet mit Laptop und Smartphone an einem Strand, neben ihr ein Cocktail.
Arbeiten am Strand? Dank Digitalisierung ist das theoretisch möglich.
Mehr Selbstbestimmung und Flexibilität

Die Vorteile eines modernen Umgangs mit Arbeitsumgebung und Arbeitszeit sind zahlreich. Der Mitarbeiter gewinnt viel Selbstbestimmung hinzu und wird wieder etwas mehr Herr seiner eigenen Zeit. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf – vorher nicht unmöglich, aber oft aufwändig und kraftraubend – wird erleichtert und die Lebensqualität kann deutlich ansteigen. Je nach Branche und Unternehmen bestehen verschiedene Möglichkeiten der Umsetzung. Prinzipiell wäre es also denkbar, spontan zu entscheiden, wann und in welcher Umgebung man arbeiten möchte. Ob zu Hause, in einem Co-Working-Place oder im Stammbüro. Der Mitarbeiter sucht sich das zu seiner Stimmung, Tagesform und -Planung passende Setting aus. Für die Unternehmen entstehen ebenfalls Vorteile. Verschiedene Studien belegen eine Verbesserung von Leistung und Qualität. So wurde zum Beispiel nachgewiesen, dass in ausgewählten Branchen Homeoffice-Angebote zu höheren Einsatzzeiten (weniger zusätzliche Pausen und Krankheitstage) sowie einer deutlich gesteigerten Zufriedenheit mit dem Job führen können (Bloom et al. 2015).

 

Risiken und Voraussetzungen

Die größere Selbstbestimmung birgt auch etliche Risiken, die berücksichtigt werden müssen. Das freie Arbeiten, d. h. Arbeitsort und -zeit selbst bestimmen zu können, ist immer eine Sache des Vertrauens.

  • Das Vertrauen der Führungskraft in den Mitarbeiter, dass die vereinbarte Arbeitsleistung erbracht wird
  • Das Vertrauen der Kollegen, dass jeder – ob im Büro oder zu Hause – sein Bestes zum Wohle des Teams gibt
  • Aber auch das Vertrauen des Mitarbeiters in die Führung, dass die eigenen autarken Entscheidungen auch tragfähig sind und bleiben

Dieses Vertrauen müssen alle Beteiligten jeden Tag rechtfertigen und sich an die vereinbarten Regeln halten. Verspielt man dieses Vertrauen, so endet mehr als nur die Selbstbestimmung. Die Grundlage einer vernünftigen Teamarbeit ist dann nicht mehr gegeben.

Ein weiteres Risiko besteht in den geringeren sozialen Kontakten. Alleine im Büro oder zu Hause zu arbeiten, weil man einen anderen Tagesrhythmus als die Kollegen hat, kann keine Dauerlösung sein. Keine verfügbare Technologie ersetzt das persönliche Gespräch auf Dauer. Viele kreative und soziale Momente entstehen in den Kaffeeküchen, auf dem gemeinsamen Weg in die Kantine oder bei einem kurzen Gespräch auf dem Flur. Sowas lässt sich nur schwer per Videochat nachempfinden. Fehlen darf der soziale Aspekt der Arbeit auch in Zukunft nicht!

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Digitalisierung für eine humanere Arbeitswelt

Die Digitalisierung und die damit verbundenen Möglichkeiten sind keine Zwangsentwicklungen. Nirgendwo steht geschrieben, dass neue Technologien ausschließlich für die Produktivitäts- und Ertragssteigerung genutzt werden müssen. Es ist alles eine Entscheidung und damit eine Sache des Wollens. Möchte ich (Arbeits-) Welten verbessern oder nur effektiver machen? Diese Frage muss in jedem Unternehmen beantwortet werden. Ich plädiere für die Schaffung humanerer und selbstbestimmter Arbeitswelten. Verantwortungsbewusste Mitarbeiter werden das in sie gesetzte Vertrauen nicht enttäuschen, sondern die Möglichkeiten nutzen, um die Entwicklung, an der sie partizipieren, weiter fortzusetzen. Am Ende haben sowohl Führungskräfte als auch Kunden, Dienstleister und nicht zuletzt jeder Mitarbeiter etwas von positiven Effekten durch die Digitalisierung. Einzige Bedingungen: Sie muss fair, kooperativ und human geschehen.

Ihr
Merlin A. Müller

Quellen:

Precht (2018): Richard David Precht: Jäger, Hirten, Kritiker – Eine Utopie für die digitale Gesellschaft. S. 124 München: Wilhelm Goldmann Verlag

Bloom et al. (2015): Nicholas Bloom, James Liang, John Roberts, Zhichun Jenny Ying: Does working from home work? Evidence from a chines experiment; The Quarterly Journal of Economics (2015) S. 165-218) – Hier lesen

 

Nachtrag: Merlin Müller hat vor Kurzem einen Vortrag zum Thema Digitalisierung in der Logistikbranche gehalten. Ein Videomitschnitt findest Du hier

Merlin Müller

Als Geschäftsführer der SITRA Spedition GmbH und externer Doktorand am Institut für Logistik und Unternehmensführung der Technischen Universität Hamburg-Harburg beschäftigt sich Merlin A. Müller schon seit einigen Jahren mit den Herausforderungen der Digitalisierung in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Insbesondere die Auswirkungen auf Führungskräfte und das Arbeitsleben stehen im Mittelpunkt seiner Arbeit.

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