Besser als ihr Ruf? – Pro und Contra zur Zeitarbeit

Zeitarbeit – wahrscheinlich gibt es keine Branche in Deutschland, die einen derart umstrittenen Ruf hat. Dabei wird leicht übersehen, dass die Zeitarbeit für etliche Bewerber hervorragende Chancen bereithält, einen guten Job zu finden.

Aber zu Anfang erst einmal ein kleiner zeitlicher Abriss und eine Definition, was Zeitarbeit überhaupt ist!

Ein kleiner Ausflug in die Geschichte

Die meisten Quellen datieren die Entstehungsgeschichte der Zeitarbeit auf 1948: Die beiden US-amerikanischen Anwälte Elmer L. Winter und Aaron Scheinfeld aus Milwaukee suchen zeitnah und befristet Ersatz für eine erkrankte Sekretärin. Dabei fällt ihnen auf, dass es auch andere Branchen gibt, die zeitlichen Bedarf an qualifizierten Fachkräften haben. Daraus entwickeln die beiden eine Geschäftsidee und gründen das Unternehmen Manpower.

1960 entsteht durch die Firma Bindan das erste Zeitarbeitsunternehmen in Deutschland. 1972 tritt das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz (AÜG) in Kraft und regelt rechtsverbindlich die Zeitarbeit. Von 1985 an fällt schrittweise bis 2003 die zeitliche Beschränkung der Überlassungsdauer weg; seit einer Gesetzesreform 2017 dürfen Mitarbeiter nur noch maximal 18 Monate an einen Betrieb überlassen werden.

Seit 2012 gibt es für Ost- und Westdeutschland tarifliche Mindestlöhne (ab 01.04.2020 9,88 € Ost, 10,15 € West) – ab dem 01.04.2012 gilt ein bundesdeutscher Einheitstarif von mindestens 10,45 €. Je nach Staffelung („Entgeltgruppe“) ist dann ein Stundenlohn von bis zu 22,79 € möglich. Auch in der niedrigsten Entgeltgruppe liegt der Verdienst über dem gesetzlichen Mindestlohn von 9,35 €, den der Staat branchenübergreifend festgelegt hat.

Aktuell (Januar 2020) sind nach Informationen der Bundesagentur für Arbeit 2,5 % aller Arbeitnehmer in der Zeitarbeit beschäftigt. Das ist jeder Vierzigste, was deutlich macht, dass Zeitarbeit nicht der Regelfall ist.

So viel zur Geschichte der Zeitarbeit. Jetzt aber zur Definition!

Zeitarbeit – was ist das?

Am besten kann man das Prinzip der Zeitarbeit anhand eines Dreiecks erklären:

Grafik zur Zeitarbeit
Grafik: Gerjet Kleine-Weischede (CC BY-SA 4.0); Bilder: Pixabay

Der Arbeitnehmer schließt gemeinsam mit dem Zeitarbeitsunternehmen einen Arbeitsvertrag. Wesentliche Grundlage des Arbeitsvertrags ist es, dass der Mitarbeiter sein Gehalt zwar vom Zeitarbeitsunternehmen erhält, er aber seine Arbeitsleistung im vom Zeitarbeitsunternehmen bestimmten Einsatz-Unternehmen erbringt. Zwischen dem Einsatz-Unternehmen und dem Zeitarbeitsunternehmen wird ein gesonderter Arbeitnehmerüberlassungsvertrag geschlossen, auf Grundlage dessen das Einsatz-Unternehmen einen Verrechnungssatz (eine Art „Entleih-Gebühr“) an das Zeitarbeitsunternehmen zahlt.

Da das Zeitarbeitsunternehmen („Verleiher“) den Arbeitnehmer dem Einsatz-Unternehmen („Entleiher“) überlässt wird offiziell auch von Arbeitnehmerüberlassung gesprochen.

Wie unterscheidet sich Zeitarbeit von „normaler“ Arbeit?

Vieles, was bei „normaler“ Arbeit üblich ist, ist auch in der Zeitarbeit Standard: ein Arbeitsvertrag, Urlaubsanspruch, Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Arbeitgeberanteil für die Sozialversicherung, oft sogar auch noch Urlaubsgeld.

Der wesentliche Unterschied ist der Arbeitsort, da du deine Arbeitsleistung nicht bei deinem eigentlichen Arbeitgeber, sondern im Einsatz-Unternehmen erbringst – und dass dein Einsatz dort maximal 18 Monate dauert. Anschließend wirst du vom Zeitarbeitsunternehmen in einen neuen Betrieb übersendet.

Alles paletti?

Leider nein, denn es gibt leider immer noch einige schwarze Schafe in der Zeitarbeitsbranche. Immer wieder gibt es Fälle, in denen Arbeitnehmer schon nach einem Krankheitstag gekündigt werden, wichtige Sicherheitsausrüstung nicht gestellt wurde, ihnen für Fachkräfteaufgaben nur die geringste Entlohnung gezahlt wird oder geleistete Überstunden plötzlich „verschwunden“ sind. Zum Glück agieren die Behörden mittlerweile härter und greifen stärker durch.

Nichtsdestotrotz ist der größte Wermutstropfen, dass Zeitarbeit häufig immer noch Gehaltseinbuße bedeutet, weil die gezahlten Gehälter in der Praxis immer noch unter denen der Stammbelegschaft liegen. Der Gesetzgeber versucht seit Jahren, im Rahmen des „equal-pay“-Gedankens („gleicher Lohn für gleiche Arbeit“) hier für Angleichung zu sorgen – in der Mehrzahl der Branchen greift das bislang leider noch nicht.

Entscheidungshilfe

Ist Zeitarbeit etwas für dich? Die folgende Pro-und-Contra-Liste soll dir bei einer Entscheidung helfen:

ProContra
Übernahmechancen
Je nach Branche schaffen knapp 30 % der Zeitarbeitnehmer während der Beschäftigung den Sprung in die Stammbelegschaft.
„Heute hier, morgen dort …“
Ganz so schlimm ist es nicht, aber trotzdem: Wenn du einen Arbeitsplatz mit immer gleichen Rahmenbedingungen und Aufgaben brauchst, dann passt die Zeitarbeit mit ihren Ansprüchen an Flexibilität und Mobilität nicht so zu dir.
Raus aus der Arbeitslosigkeit
Wenn du Arbeitslosengeld I bekommst, sind das 60 % des Nettolohns der letzten 12 Monate. Je nachdem, wie viel du vorher verdient hast, ist das nicht sonderlich viel.
Zeitarbeit sorgt nicht nur dafür, dass du wieder ein regelmäßiges Gehalt hast, sondern auch, dass du Ansprüche auf Arbeitslosengeld I sowie Rentenansprüche sammelst.
Mobilität ist Trumpf
Gerade auf dem Land oder in strukturschwachen Regionen ist es in der Zeitarbeit sehr wichtig, dass du die Einsatz-Unternehmen selbständig erreichen kannst. Nicht immer fährt ein Bus oder ein Zug in den Nachbarort oder der Arbeitsbeginn ist weit vor der ersten Fahrt.
Der Fuß in der Tür
Egal, ob Berufseinsteiger, Mutter nach der Elternzeit, Migrant oder Wiedereinsteiger nach Krankheit – es gibt viele Jobsuchende, die am Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Zeitarbeit bietet hier die Chance, schnell (wieder) Fuß zu fassen.
Gehalt
Wie oben im Text schon erwähnt bedeutet Zeitarbeit meistens (noch) weniger Gehalt und damit später auch weniger Rente. Gleichzeitig gilt aber auch immer noch der Satz von Peter Zwegat: „Die Hälfte von wenig ist besser als alles von nichts.“
Überbrückung vor Studium & Co.
Nimmst du ein Studium oder eine Ausbildung auf? Klar kannst du die Zeit dazwischen durchchillen oder reisen. Aber du kannst auch durch Zeitarbeit Geld verdienen, Einblick ins Berufsleben bekommen oder Kontakte zu potentiellen Arbeitgebern knüpfen.
Vorbehalte von Arbeitgebern
Ja, es gibt tatsächlich Arbeitgeber, die über Beschäftigungen bei Zeitarbeitsunternehmen die Nase rümpfen. Aber zum einen werden solche Arbeitgeber weniger und zum anderen ist (Zeit-)Arbeit nichts, wofür du dich schämen müsstest.
Qualifikation
Vor allem im gewerblich-technischen Bereich schulen viele Zeitarbeitsunternehmen ihre Arbeitnehmer nach, falls wichtige Qualifikationen wie Flurförderschein oder Infektionsschutzbelehrung fehlen. Dadurch erhältst du aktuelles Wissen, das dir auch für deinen weiteren Berufsweg weiterhilft.
Auf einem Straßenschild geht es von arbeitslos zu Zeitarbeit.
Zeitarbeit kann durchaus eine gute Möglichkeit sein, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.

Die Zeitarbeits-Branche hat insgesamt einen gespaltenen Ruf. Ein Unternehmen, mit dem ich als Jobcoach sehr positive Erfahrungen gemacht habe, ist die Firma TimePartner[1], seit 13 Jahren am Markt und deutschlandweit mit 179 Niederlassungen vertreten.

In der Niederlassung Wilhelmshaven, nur ein paar Gehminuten von meinem Büro entfernt, arbeitet Evangelia Tsipouropoulou als Personalberaterin. Mit ihr habe ich folgendes Interview geführt:

Frau Tsipouropoulou, was ist die erste Reaktion, wenn Sie Menschen erzählen, dass Sie als Personalerin bei einem Zeitarbeits-Unternehmen arbeiten?

Es kommt immer darauf an, mit wem man darüber spricht. Bei Arbeitssuchenden kommt das ganz gut an; bei anderen kann es auch mal aufgrund von Vorurteilen oder schlechten Erfahrungen in eine negative Richtung gehen und ein böses Gefühl hervorrufen.

Hatten Sie vor Ihrem Job schon Berührungspunkte zur Zeitarbeit, zum Beispiel in der Familie oder im Freundeskreis?

Also, Familie oder Freundeskreis nicht, aber ich hatte selbst schon einmal einen Anruf von einem Zeitarbeitsunternehmen, als ich eine Zeit lang Arbeit suchend war. Da wurde ich angerufen, weil ich bei der Agentur für Arbeit gemeldet war. Einige Dienstleister arbeiten so, dass sie selbst aktiv hinterher telefonieren. Das hatte sich bei mir dann aber im Sande verlaufen, weil ich dann schon wieder in Arbeit war.

Mit welchen Vorurteilen und Befürchtungen kommen Bewerber zu Ihnen? Und woran kann ich ein seriöses Unternehmen erkennen?

Was natürlich an Befürchtungen und Vorurteilen ganz oben mit dabei ist – dass viele denken, dass sie unfair oder nicht regelmäßig entlohnt werden und dass man auf sein Gehalt warten muss, weil nicht pünktlich gezahlt wird. Das kann ich dann schon entkräften, weil wir als Personaldienstleister ja den iGZ-Tarifvertrag zwingend anwenden müssen. In diesem Tarifvertrag sind die Mindestentgelte geregelt. Und dass der Helferlohn über dem gesetzlichen Mindestlohn liegt, überrascht viele Bewerber positiv.

Ein seriöses Zeitarbeitsunternehmen wird sich immer transparent zeigen und offen im Gespräch sein, auch und vor allem, was die Entlohnung angeht. Der Tarifvertrag steht dann auch direkt auf der Homepage. Wenn zum Beispiel eine Helferstelle geringer vergütet wird als angegeben, dann ist dieses Unternehmen mit Sicherheit nicht seriös. Wichtig für die Frage nach der Seriosität ist auch die Vertrauensbasis, die im persönlichen Gespräch geschaffen wird.

Hand aufs Herz – käme Zeitarbeit für Sie selbst infrage?

Ja, schon. Wenn es eine konkrete Stelle ist, absolut. Und wenn ich arbeitsuchend wäre, auf jeden Fall!

Gibt es Personengruppen, die aktuell besonders große Chancen in der Zeitarbeit haben?

Ich würde fast sagen – alle! Alle Berufsgruppen werden aktuell gesucht. Ganz klar, Facharbeiter sind immer ganz besonders gefragt. Aber auch Langzeitarbeitslose, die wieder einen Einstieg suchen, egal ob Teilzeit oder Vollzeit, genauso wie Absolventen, die erst einmal Berufserfahrung sammeln wollen. Aktuell haben auf dem Arbeitsmarkt wirklich alle eine Chance.

Was möchten Sie Jobsuchenden gerne mit auf den Weg geben?

Am besten persönlich beim Personaldienstleister vorsprechen, auch, um zu wissen, ob man bei dieser Firma zukünftig angestellt sein möchte – schließlich sucht man sich ja den Arbeitgeber auch aus. Abgesehen davon: Bitte immer die Personaldienstleistung nutzen, weil es auch ein gutes Sprungbrett ist, gerade hin zu Firmen, bei denen man mit einer klassischen Bewerbung sonst wenig bis keine Chancen hätte – das ist über den Personaldienstleister viel einfacher. Und zu guter Letzt: Mut haben und probieren!

Vielen Dank fürs Interview, Frau Tsipouropoulou!

Und jetzt bist du dran: Wie denkst du über Zeitarbeit? Käme sie für dich infrage oder nicht? Hast du selbst schon Erfahrungen mit Zeitarbeit gemacht?

[1] Es besteht weder eine geschäftliche Verbindung des IBB zur Firma TimePartner noch wurde das Interview bezahlt.

Gerjet Kleine-Weischede

Gerjet Kleine-Weischede ist Jobcoach des IBB in Wittmund. Dort unterstützt er Umschüler und Teilnehmer von Weiterbildungen, erfolgreich in Arbeit zu kommen. Er ist immer auf der Suche nach ungewöhnlichen und frischen Bewerbungsideen; dafür ist er auch viel im Netz unterwegs, twittert (@chancenmacher) und bloggt unter www.chancenmacher.de.

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Markus Moos
Gast
Markus Moos

Danke für den sachlichen Beitrag zu einem sehr emotionalen Thema. Es gibt schwarze Schafe und seriöse Unternehmen unter den Zeitarbeitsfirmen. An wen man gerät ist vorab schwer zu sagen. Meine Erfahrungen mit der Branche reichen von „das geht so gar nicht“ bis „voll in Ordnung“.

Alibaba
Gast
Alibaba

Ich finde die Arbeit nicht schlecht, die man bekommt, aber es sind eher die Absprachen, die unzufriedenstellend sind. Da kann ich noch so eine gute Finanzausbildung haben, am Ende erklärt mir jemand ohne Branchenerfahrung, was ich tun soll. Dann klappen natürlich die Abläufe nicht…