„Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ – Vom Sinn und Unsinn von Persönlichkeitstests

In den vergangenen Tagen waren in meinem Twitter-Newsfeed einige Tweets vom geschätzten Joachim Dierks (@recrutainment), die sich mit teils sehr fragwürdigen Persönlichkeitstests befassen. Das erinnerte mich daran, dass ich vor ein paar Jahren auch schon mal einen längeren Artikel zu diesem Thema verfasst hatte. Neugierig ging ich dann auf die Suche, ob denn diese ganze Persönlichkeits-Sache immer noch so schlimm ist. Die Antwort: Nein – es ist noch viel schlimmer geworden …

Warum überhaupt Persönlichkeitstests?

Seit es Menschen gibt, versuchen Menschen andere Menschen in Schubladen zu stecken. Wir möchten einfach gerne wissen, wie es hinter der Stirn unseres Gegenübers aussieht, wie er oder sie „tickt“ – kurz: Wir wollen auf der einen Seite eine Abkürzung des sonst unvermeidlichen Kennenlern-Prozesses und auf der anderen ein absolut klares und möglichst fehlerfreies Ergebnis der Persönlichkeitseigenschaften unseres Gegenübers. Hört sich doch gut an, oder?

Wie fing alles an?

Mit Körperflüssigkeiten! Das wahrscheinlich bekannteste Modell einer Persönlichkeitslehre, die sog. Temperamentenlehre, geht auf die Theorien des griechischen Arztes Hippokrates (460-375 v. Chr.) und des römischen Mediziners Galenos (130-210 n. Chr.) zurück. Dieser Theorie nach hat der Mensch vier Körperflüssigkeiten, die wiederum prägnante Temperamentseigenschaften mit sich bringen, je nachdem, welche Körperflüssigkeit den Menschen am stärksten erfasst:

Der Sanguiniker ist der Temperamentenlehre nach optimistisch, lebhaft und fröhlich, allerdings manchmal auch wankelmütig, undiszipliniert und rastlos.

Positive Persönlichkeitsmerkmale des Phlegmatikers sind angeblich Beständigkeit, Ruhe und Ausgeglichenheit, wohingegen sie aber auch zu Sturheit, Trägheit und Widerwillen neigen würden.

Die Temperamentenlehre beschreibt den Melancholiker einerseits als tiefgründig, idealistisch und treu, gleichzeitig aber auch als überempfindlich, besorgt und kritisch.

Choleriker zeichnen sich angeblich durch Ehrgeiz, Willensstärke und Kreativität aus, verspielen aber auch durch ihre Überheblichkeit, Dickköpfigkeit und Taktlosigkeit wichtige Sympathien bei ihren Mitmenschen.

Viele Jahrhunderte lang wurde diese Temperamentenlehre akzeptiert, sogar bis weit ins 18. Jahrhundert hinein – und wahrscheinlich hast du sogar davon schon gehört, denn auch heute noch werden Menschen gerne in eine dieser vier Kategorien eingeteilt.

Wie ging es weiter?

Mit dem Aufkommen der Psychologie Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es ein überragendes öffentliches Interesse der Menschen, mehr über sich zu erfahren. Bücher, Vorträge und Selbsterfahrungskurse boomen – die Menschen wollen sich in einfach zu verstehenden Systemen selbst verorten. Während Sigmund Freud den Menschen vor allem vom Sexual- und Lusttrieb gesteuert sah, beschrieb der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung den Menschen als ein hochkomplexes, nach Sinn und Erfüllung suchendes Wesen.

Spätestens ab Mitte des 20. Jahrhunderts gibt es in der Wirtschaft klare Bestrebungen, das Wissen der Psychologie auf die Personalauswahl anzuwenden, zunächst in den USA, dann auch in Europa. Ziel ist es, durch eine psychologische Testung Fehlbesetzungen zu vermeiden bzw. potentielle Leistungsträger schon frühzeitig erkennen zu können. Im Rahmen von Personalauswahlverfahren kommen nun zusätzlich zum persönlichen Gespräch und evtl. praktischen Übungen noch teils umfangreiche Fragebögen hinzu. Mehrere Studien belegen, dass zwischen 30 % und 50 % aller großen Unternehmen bei der Personalauswahl mit Persönlichkeitstests arbeitet. Vielleicht hast du auch schon mal im Rahmen deiner Bewerbung bei einer Firma so einen Fragebogen ausgefüllt.

Wie genau sind die Testergebnisse?

Die meisten Ergebnisse sind schlicht gesagt falsch. Den meisten populären Testverfahren (z. B. MBTI, Reiss, DISG, Enneagramm) liegen nicht anthropologisch-psychologische Erkenntnisse, sondern eine esoterisch-philosophische Basis zugrunde; die Tests halten wissenschaftlicher Betrachtung nicht stand, sondern sind eher so etwas wie „Küchentisch-Psychologie“.

Die meisten Ergebnisse sind schlicht gesagt falsch.

Beispiel gefällig? Die Frage der Wissenschaftlichkeit eines Persönlichkeitstests, der ausschließlich auf den Geburtsdaten basiert, beantworten die Macher folgendermaßen: „Es gibt zwischen Himmel und Erde einiges, was auch von der heutigen Wissenschaft noch nicht erklärbar ist. […] Das Schöne ist: Du kannst die Validität und die Aussagen […] selbst überprüfen. Und das ist wohl die beste Verifizierung.“[1]

Was können Typologien verraten?

Nicht besonders viel. Ziel der meisten Tests ist es, dich einem bestimmten Typus (z. B. „der kreative Macher“, „die tiefgründige Planerin“, „der selbstlose Helfer“) zuzuordnen. Das hört sich auf den ersten Blick ganz einfach an – aber es ist halt auch zu einfach! Denn du bist nicht immer nur kreativ, sondern manchmal auch tiefgründig oder selbstlos. Diese sog. typologischen Tests haben ein verkürztes Bild von Persönlichkeit.

Um dir ein praktisches Beispiel zu geben: Stell dir vor, du bist verheiratet und hast eine Tochter. Was genau bist du denn jetzt? Vater? Ehemann? Sohn deiner Eltern? Leser dieses Blog-Artikels? Oder alles gleichzeitig? Du siehst, rein typologische Tests greifen zu kurz!

Verschiedene Begriffe aus dem Bereich der Persönlichkeitsforschung stehen durcheinander.
Lass dich nicht in EINE Schublade drücken!

Welche Art von Persönlichkeitstests haben wirkliche Aussagekraft?

Am aussagekräftigsten und zuverlässigsten sind sogenannte dimensionale Verfahren: Das sind Tests, die die Dimensionen einer Person in den Blick nehmen, also wie sehr bestimmte Persönlichkeitszüge ausgeprägt sind. Daraus ergeben sich insgesamt ganz individuelle Persönlichkeitsprofile. Einer der bekanntesten dieser Tests dürfte das Big-Five-Modell sein – Big Five deshalb, weil es insgesamt fünf wichtige Persönlichkeitszüge in den Blick nimmt:

  1. Offenheit
  2. Gewissenhaftigkeit
  3. Extraversion (= Aktivität, Geselligkeit und Kontakt)
  4. Anpassungsbereitschaft
  5. Neurotizismus (= emotionale (In-)Stabilität)

Durch die differenzierten Aussagen über die Ausprägung der Persönlichkeitseigenschaft ergibt sich für dich ein umfassenderes und ganzheitlicheres Bild als in den klassischen typologischen Verfahren.

Kann ich das alles noch einmal kompakt haben?

Klar! Prof. Dr. Uwe Kanning von der Hochschule Osnabrück forscht seit vielen Jahren auf dem Gebiet der Personalauswahl und hat ein hervorragendes Video zum Thema Persönlichkeitstests erstellt, das du dir unbedingt anschauen solltest:

 

Und jetzt interessiert uns deine Meinung: Welche Erfahrungen hast du mit Persönlichkeitstests gemacht? Findest du das überhaupt sinnvoll? Oder sind Menschen viel zu komplex? 😉

[1] https://www.geniusreport.net/about

Gerjet Kleine-Weischede

Gerjet Kleine-Weischede ist Jobcoach des IBB in Wilhelmshaven. Dort unterstützt er Umschüler und Teilnehmer von Weiterbildungen, erfolgreich in Arbeit zu kommen. Er ist immer auf der Suche nach ungewöhnlichen und frischen Bewerbungsideen; dafür ist er auch viel im Netz unterwegs, twittert (@chancenmacher) und bloggt unter www.chancenmacher.de.

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Markus Moos

absolut richtig – trotzdem lieben die HR-Abteilungen diesen Unsinn.