Digitales Lernen und E-Learning: Wegweisender Ansatz oder Technik-Spielerei?

Könnt ihr euch noch vorstellen, rein analog zu arbeiten, also ohne PC, Internet und Software? Elektronische und digitale Anwendungen bilden an den meisten Arbeitsplätzen die Basis für fast alle Abläufe – und das nicht nur in Büros.

Auch Begriffe wie Industrie 4.0 geistern seit langem herum, Maschinen kommunizieren mit Menschen und untereinander, Produktionsabläufe laufen automatisiert ab. Kein Wunder also, dass auch das berufliche Lernen immer digitaler wird. Aber was bedeutet das genau?

Welche Formen des digitalen Lernens gibt es, welche Veränderungen bringen sie mit sich? Welche Anforderungen stellen sie an die Lernenden? Und vor allem: Welche Vorteile bieten sie? Werden traditionelle Bildungsformen und menschliche Lehrer und Ausbilder jetzt ersetzt?

Gemeinhin gilt „E-Learning“ als Sammelbegriff für elektronisch unterstütztes Lernen und den Einsatz digitaler Medien.

Unterscheiden kann man dabei grob in:

  1. Nicht-tutorielle web- und computerbasierte Lernformen

    Lernende nutzen hier selbstständig Lernprogramme ohne direkten Kontakt mit Lehrenden oder anderen Lernenden. Die Inhalte werden über Datenträger oder online verbreitet. Auch Podcasts und Videos gehören hier dazu – oder Apps, die über das Smartphone genutzt werden.

  2. Web-basierte Lernformen mit menschlicher Interaktion

    Dazu gehören zum Beispiel Foren, Chats, Videokonferenzen und Webinare. Am interessantesten sind speziell für Seminare und den Unterricht konzipierte virtuelle Räume. Lehrende und Lernende kommunizieren über Headsets miteinander in Echtzeit und sitzen wie in einem „echten“ Raum zusammen. Sie können sich beispielsweise per Webcam sehen sowie Dokumente und Anwendungen teilen und gemeinsam bearbeiten. Bei größeren überregionalen Bildungsanbietern haben sich virtuelle Unterrichtsräume bereits seit Jahren bewährt. In anderen Bereichen werden sogar 3-D-Räume oder ganze virtuelle Welten genutzt, in denen man sich mit Avataren bewegen kann. Hier kann zum Beispiel der Aufbau oder die Reparatur von großen komplexen Maschinen demonstriert und simuliert werden. Oder Rettungsdienste spielen sogar ganze Einsätze durch.

    Festzuhalten bleibt aber: Digitale Angebote wie diese ersetzen den Lehrer nicht, sondern sie bieten ihm und den Lernenden neue Möglichkeiten.

  3. Kombinationen aus „klassischer Lehre“ und digitalem Lernen

    In der Praxis findet man oft Kombinationen mehrerer Lehr- und Lernmethoden: Zum Beispiel treffen sich Teilnehmer einer Fortbildung zeitweise in Präsenz, greifen aber zwischendurch auch auf digitale Angebote zurück, um Wissen selbstständig zu vertiefen oder anzuwenden. Man spricht dabei oft von Blended Learning, bei dem beide Lernformen im Lehrplan integriert sind. Oft werden auch Lern-Management-Systeme (LMS) als Bestandteil mit integriert, bei denen zum Beispiel Aufgaben zusammengestellt, bearbeitet und ausgewertet werden. Oder digitale Methoden werden direkt im Präsenzunterricht genutzt: Teilnehmer nehmen zum Beispiel über Smartphones oder Tablets an Abstimmungen teil oder beantworten Multiple-Choice-Fragen. Auch interaktive Whiteboards kommen zum Einsatz, durch die der Anschrieb einer Unterrichtsstunde den Teilnehmern im Anschluss zugänglich gemacht wird. Wenn zum Beispiel Mitschriften über Webseiten zur Verfügung gestellt werden, spricht man von Content Sharing.

Wo findet E-Learning am häufigsten statt?

  • In Unternehmen, sowohl im Rahmen von Aus- und Weiterbildungen als auch innerhalb kleinerer Projekte
  • Bei professionellen Weiterbildungsanbietern, wo virtuelle Klassenräume und digitale Lern-Management-Systeme zum Alltag gehören
  • Im privaten Bereich, wo sich Interessierte digitale Lernangebote nach Interesse heraussuchen
  • An Universitäten, in denen digitale Lernformen integriert sind oder sogar die Vorlesungen virtuell stattfinden
  • In Schulen und Berufsschulen, wo digitale Lernmethoden in den Unterricht eingebunden werden
digitales Lernen mit Laptop, Tablet und Smartphone
digitales Lernen mit Laptop, Tablet und Smartphone

 

Was bringen digitale Methoden und E-Learning?

Zunächst natürlich einmal mehr Vielfalt: Verschiedene Methoden und unterschiedliche Medien können für verschiedene Zwecke so eingesetzt und kombiniert werden, dass ein möglichst effektives Ergebnis erzielt wird. Je nach Lerntyp könnt ihr eure bevorzugten Medien und Lernmethoden stärker an euren individuellen Bedürfnissen ausrichten, bestimmte Inhalte leichter und unbegrenzt wiederholen oder Erläuterungen und Hilfestellungen von Lernprogrammen in Anspruch nehmen. Wissen kann über digitale Plattformen zudem besser geteilt und verbreitet oder zusammen erarbeitet werden.

Hinzu kommt – je nach Lehr- und Lernform – die zeitliche und/oder örtliche Flexibilität. Dadurch erleichtert sich die Umsetzung und Integration in den (Arbeits-)Alltag; man spart Zeit und Geld. Gerade bei berufsbegleitender Weiterbildung entfallen Reisekosten und eure Abwesenheiten vom Arbeitsplatz reduzieren sich.

Gerade in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung kann das Lernen besser in Arbeits- und Produktionsprozesse eingebunden werden – und das führt zu aktiverem und letztendlich effektiverem Lernen als bei klassischem Frontalunterricht.

Außerdem gibt es ein größeres, schneller verfügbares Angebot: Denn für gemeinsame Veranstaltungen finden sich ortsunabhängig schnell genügend Teilnehmer.

Zudem könnt ihr als Teilnehmer besser eingebunden werden, zum Beispiel, indem in virtuellen Klassenräumen Antworten von allen „auf Knopfdruck“ übermittelt werden oder Aufgaben gemeinsam auf einem Bildschirm bearbeitet werden. Aufgaben lassen sich individueller verteilen und Lernkontrollen schneller umsetzen.

„Nebenbei“ wird beim digitalen Lernen natürlich auch eure Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien geübt. Davon profitiert ihr später im Arbeitsalltag, wo die Digitalisierung ja in den meisten Bereichen schon lange Einzug gehalten hat.

Zusätzlicher Vorteil aus Unternehmenssicht: Digitale Angebote können dazu beitragen, dass die Wissensvermittlung kontinuierlich stattfinden kann und der Wissensstand der Mitarbeiter effektiv und effizient angeglichen wird. Auch die Schnelligkeit, mit der Wissen bereitgestellt werden kann, ist ein (Wettbewerbs-)Vorteil. Digitale Plattformen werden zudem genutzt, um abteilungsübergreifend den Austausch zu fördern und an gemeinsamen Lösungen zu arbeiten.

Besondere Herausforderungen bei E-Learning-Angeboten

Ob man digitale Lehrmaterialien erstellt oder in virtuellen Räumen unterrichtet: Die Vielfalt der unterschiedlichen Medien und Methoden erfordert unterschiedliche pädagogische und didaktische Konzepte. Online-Materialien lesen sich zum Beispiel anders als ein Buch, und um alle Vorteile des virtuellen Unterrichts auszuschöpfen, braucht es eine gewisse Erfahrung. Wichtig ist also auch Medienkompetenz.

Die professionelle Konzeption von E-Learning-Angeboten erfordert vielfältiges Know-how sowohl im technischen als auch im didaktischen Bereich. Gesucht sind zum Beispiel Absolventen interdisziplinärer Studiengänge wie Medieninformatik oder Informationsdesign. Inzwischen gibt es auch einzelne noch stärker auf E-Learning fokussierte Studiengänge.

Aber auch die Lernenden sind besonders gefordert: Besonders wenn digitales Lernen außerhalb einer angeleiteten Veranstaltung stattfindet, erfordert es ausgeprägte Selbstdisziplin und Selbstlernkompetenz. Und natürlich ist auch der kompetente Umgang mit digitaler Technik nötig – auf Seiten der Lehrenden wie der Lernenden. Eine möglichst einfache Benutzerfreundlichkeit ist hilfreich, aber trotzdem: Nutzer müssen sich sowohl die konkrete Anwendung einzelner digitaler Angebote erarbeiten als auch ganz allgemein grundlegende Kompetenzen im digitalen Bereich mitbringen. Auch deshalb wird der verstärkte Einsatz digitaler Methoden schon in der Schule gefordert. Aber nicht nur dort scheitert es oft an der Verfügbarkeit der erforderlichen Technik, dem Geld für deren Anschaffung oder schlichtweg der technischen Infrastruktur wie einer leistungsfähigen Internetverbindung.

Durch digitale Lernangebote wandeln sich auch die Aufgaben des Ausbilders ein Stück weit: Der Ausbilder tritt eher als Lernbegleiter in Erscheinung, der Methodenkompetenzen benötigt, um gezielt digitale Werkzeuge einzusetzen, die das Selbstlernen der Auszubildenden in den Mittelpunkt rücken. Beispiel: Azubis nutzen Tablets für Aufgaben und teilen damit Probleme und Lösungen; sie schauen Erklär-Videos, lesen Lehrbücher als E-Books oder nutzen 3-D-Modelle von Maschinen. Die HR-Abteilung wird dabei immer stärker gefordert, eine digitale Lernkultur zu gestalten.

Ist digitales Lernen besser?

Sagen wir mal so: Es bringt potenziell mehr Vorteile – die oben genannten sind auf jeden Fall ein ganz großes Plus. Entscheidend ist am Ende natürlich vor allem der Lernerfolg, und der ist nicht unbedingt nur von ausgeklügelter Technik abhängig. Beim E-Learning gilt genau wie bei traditionellen Lernformen: Es kommt wie eh und je auf die Pädagogik, Didaktik und Qualität an.

Um es etwas deutlicher zu machen, denkt mal zurück an die Schule: Da gab es Lehrer, die konnten fast jedem fast alles beibringen, und andere, die waren eine komplette Fehlbesetzung. Oder Schulbücher … wie eklatant dort die Unterschiede waren! Genauso ist es beim E-Learning: Die Form des Lernens ist weniger relevant als die Qualität der Lehrmaterialien und deren Inhalte. Und natürlich die Leistung der Lehrkräfte, dort wo sie eingesetzt werden. Der Unterschied ist, dass sowohl die persönliche Lehre als auch die Lehrmaterialien bei digitalen Angeboten den jeweiligen spezifischen Medien und Methoden angepasst werden müssen, um die Vorteile auch richtig auszunutzen – so wie weiter oben beschrieben.

Wenn ihr ganz konkret digitale Lernangebote ins Auge fasst, versucht also am besten, etwas über die genauen Methoden, Erfahrungen der Lehrenden und Lernenden und die Qualität der Angebote herauszufinden. Dann ist digitales Lernen auf jeden Fall eine große Chance für effektiven und effizienten Lernerfolg – und darum geht es ja schließlich.

Thomas Horn

Alles rund um das geschriebene Wort – das ist Thomas' berufliches Metier beim Institut für Berufliche Bildung (IBB). Die Aufgaben reichen von der Produkt- und Online-Kommunikation bis zur Unterstützung im Bereich Presse/PR. Thomas erstellt außerdem Broschüren, Flyer, andere Printmaterialien und was sonst alles noch anfällt.

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